Michael J Berlin

Fotograf: Städte, Architektur, Werbung

Bitte mal lächeln

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Was macht ein Fotograf in den Ferien? Fotografieren natürlich. Allerdings habe ich mir selbst in diesem Jahr eine Aufgabe gestellt: Zwei Wochen wollte ich mich darauf konzentrieren, meine Kamera andere Bilder schiessen zu lassen als ich dies sonst für meine Arbeit überwiegend mache. Statt Architektur, Städten und Landschaften oder Studiobildern normale Menschen in natürlicher Umgebung. Und überwiegend mit natürlichem Licht.

_MG_2373-WebNach dem Schauspieler Alexander Haugg und dem Tattoo-Model Sophie Van Tastique habe ich im dritten Shooting eine junge Frau getroffen, die sich mit den Worten eingeführt hatte: „Ich bin kein Fotolächeln-Typ“. Gut so, dachte ich. Denn ich bin ja auch kein Passfoto-Automat.

Wir trafen Ronja auf der Admiral-Brücke, die im Bezirk Kreuzberg liegt und abends gerne als Open Air Party-Location dient. Nur wenige Meter weiter ist mit den Büros von EyeEm eines der Berliner Startups zu finden, für das ich gerne mit meinem Smartphone fotografiere. Aber diese Brücke und Umgebung kannte ich noch nicht.

Ich liebe Berlin, weil es so groß und vielfältig ist, voller Tradition und Neuem. Die schmiedeeiserne Brücke mit ihren Strassenlaternen aus dem 19. Jahrhundert überquert den Landwehr-Kanal und steht zwischen kleinen Strassen mit fünfstöckigen Häusern, während sich am Wasser Bäume und Wiesen erstrecken. Eine wunderschöne Mischung aus Stadtleben und Erholungszonen.

_MG_2548WMEin paar Meter weiter hat jemand eine Schaukel installiert, die fünf Meter von einem großen Baum herabhängt. Graffiti auf einer Häuserwand, die Terrasse eines Cafés im Hintergrund. Autos und ein Platz, auf dem kein Grashalm eine Chance hat zu wachsen. Und doch investiert jemand Zeit und Mühe, um an dieser Stelle ein kleines Stück Kindheit für jedermann bereitzustellen.

Peter Fox hat vor fünf Jahren so etwas wie die inoffizielle Stadthymne für Berlin geschrieben, in dem er die Schönheit der Hässlichkeit dieser Stadt beschreibt. Für mich läuft „Schwarz zu blau“ bis heute immer in meinem Kopf, wenn ich auf fotografische Entdeckungstouren gehe. Denn ich möchte gerne mehr von dem einfangen, was Berlin zu Berlin macht.

Und irgendwie sind zwischen den hässlichen Seiten und den kleinen Details, die diese Stadt liebenswert machen, viele herzliche Menschen zu finden. Auch das nehme ich nach diesen zwei Wochen mit: Jedes Shooting ist die Möglichkeit, einen neuen Menschen kennen zu lernen. Flüchtig und kurz, aber mit bleibenden Erinnerungen.

Mit dem Wetter rechnen

Das Wetter ist ein weiterer Faktor, der bei Outdoor-Shootings zu berücksichtigen ist. Und es war Teil der Erfahrungen, die ich in diesen zwei Wochen gesammelt habe. Wenn ich in Berlin Architektur fotografiere, kann ich (halbwegs) problemlos an einem anderen Tag wiederkommen, wenn das Wetter nicht mitspielt. Wenn ich mit Menschen verabredet bin, geht das nicht so einfach. Also müssen gute Bilder entstehen, egal unter welchen Umständen. An diesem Vormittag hatten wir innerhalb von zwei Stunden alles: Bewölkten Himmel, Sonnenstrahlen, einen (sehr) kurzen Regenschauer. Das bedeutet auch ständiges Anpassen der Kamera-Einstellungen.

_MG_2553WMIch hatte auch eine Idee im Hinterkopf, falls es für längere Zeit regnen würde. Diese haben wir letztlich auch umgesetzt, obwohl der Regen nach wenigen Minuten wieder der Sonne wich.

Wir fanden eines der unzähligen kleinen Restaurants, in denen Menschen vormittags ihren Kaffee und ein spätes Frühstück geniessen. Auch in Berlin gibt es die großen Ketten an Bäckereien, die alle gleich aussehen. Dazwischen aber findet man die meist mit wenig Geld, aber viel Liebe gestalteten und eingerichteten Restaurants und Cafés, in denen neben den Inhabern höchstens noch zwei oder drei Mitarbeiter tätig sind. Persönlich und individuell.

Nachdem ich bei diesem Shooting von meiner Partnerin als Assistentin begleitet wurde, die aber eigentlich nur bei ein paar Gegenlicht-Bildern den Reflektor halten musste, setze ich sie Ronja gegenüber. Einmal um als „unscharfer Vordergrund“ einigen Bildern etwas Atmosphäre zu geben. Aber auch, um sich mit Ronja zu unterhalten. So konnte ich auch von draussen durch die Fensterscheibe einige Fotos dieser Szene schiessen. Diese Bilder wirken für mich viel eher, als wäre gar keine Kamera dort, sondern ein direkter Einblick in das alltägliche Leben. Weit besser als das Lächeln auf Kommando für ein Bewerbungsfoto.

Am Ende verabschiedeten wir uns nach zwei Stunden, die wie im Fluge vergangen waren. Ich hatte ein gutes Gefühl, weil ich viele Fotos in der Kamera hatte, die schon in der Vorschau gut wirkten.

Und am Ende sah ich auf meinem Computer Bilder einer jungen Frau, die lächelte. Nicht für die Kamera, nicht für ein Passfoto, sondern weil wir Spaß hatten. Viel besser.

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